Wolfram Wuttke (†): Immer wieder Ärger mit dem Trainer

Günter Netzer bezeichnete Wolfram Wuttke einst als „eines der größten deutschen Fußballtalente aller Zeiten“. Der für seine O-Beine bekannte Techniker konnte sein Potenzial jedoch aufgrund fehlender Diplomatie und ständiger Auseinandersetzungen mit den Trainern niemals ausschöpfen und hat es somit verpasst, heute auf eine größere Karriere zurückblicken zu können.

Bereits mit 17 Jahren wird Wolfram Wuttke zum Bundesligaspieler. Nachdem er 4 Jahre zuvor im Internat von Schalke 04 aufgenommen wurde, wird Wuttke im Herbst 1979 zum ersten Mal als Stürmer für die Knappen eingewechselt. Bereits in seiner ersten Bundesligasaison bringt es der 1,72m kleine Mittelfeldspieler auf 19 Einsätze und erzielt dabei bereits im 2. Spiel seinen ersten Treffer. Es scheint zunächst der Beginn einer großen Karriere zu werden.

Aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten muss Schalke den Youngster in der Winterpause der Saison 1980/81 erstmal ziehen lassen. Wuttke wechselt zum Ligakonkurrenten Borussia Mönchengladbach und wird unter Trainer Jupp Heynckes zum Stammspieler am Bökelberg. Aber die Zusammenarbeit verläuft nicht problemlos. Wuttke verpasst Trainer Heynckes den Spitznamen „Osram“, da dieser seiner Meinung nach schnell einen roten Kopf bekommt. Der Spitzname hat sich bis heute gehalten, Wuttke kommt mit einer Abmahnung davon. Er absolvierte nahezu alle Pflichtspiele der Fohlen, bevor ihn die finanziell genesenen Gelsenkirchener nach 2 Jahren zur Rückrunde 1982/83 zurückholen. Leider kann Wuttke den bevorstehenden Abstieg des Klubs in die 2. Liga nicht mehr verhindern und wechselt anschließend zum Hamburger SV.

Der damalige Meister und Gewinner des Europapokals der Landesmeister kann die Dienste von Wuttke gut gebrauchen. Manager Günther Netzer macht den Transfer des Oberlippenbartträgers schließlich perfekt. Nach 2 ordentlichen Saisons fällt Wuttke allerdings bei den Verantwortlichen in Ungnade, weil er sich mit Trainer Ernst Happel anlegt. Dieser verbannt ihn darauf hin in die DFB-Nachwuchsrunde, eine Art Zweite Mannschaft. Im September 1985 wird Wuttke schließlich komplett suspendiert und verlässt den Verein in Richtung Kaiserslautern, natürlich nicht, ohne verbal gegen Happel nachzutreten: „Für den Alten war ich entweder Zauberer, Wurschtl oder Arsch. Am Ende war ich fast nur noch Arsch!“. Happel konterte fachmännisch: „Dem Wuttke haben sie ins Gehirn geschissen“.

 

Beim FCK setzt Trainer Hannes Bongartz Wuttke erstmals nicht als Stürmer sondern als Mittelfeldregisseur ein und diese Rolle scheint ihm zu gefallen. Er spielt 4 großartige Saisons auf dem Betzenberg, erzielt insgesamt 32 Tore für den FCK, und entwickelt sich zu einem so genannten „Typen“, also die Art von Spieler, die mit ehrlicher Arbeit und lockerem Mundwerk zu einer Kultfigur werden. Nationaltrainer Franz Beckerbauer beruft Wuttke aufgrund seiner Leistungen 1986 erstmals in den Kader der deutschen Auswahl. Da das Mittelfeld des DFB-Teams allerdings zu diesem Zeitpunkt mit vielen Stars (Matthäus, Littbarski, Thon, Rolff) gespickt ist, kommt Wuttke nur zu 4 Kurzeinsätzen. Er wird 1988 statt für die Europameisterschaft zusammen mit Frank Mill, Jürgen Klinsmann und Karl-Heinz Riedle für die B-Nationalelf nominiert, die bei den Olympischen Spielen antritt und mit einer Niederlage im Halbfinale am Ende die Bronzemedaille nach Hause nehmen darf. Der Höhepunkt von Wuttkes Fußballerkarriere. „Fehlende Diplomatie“ sei es gewesen, die eine größere Karriere von Wuttke verhindert habe, gibt er heute zu, „50 Länderspiele wären sonst gut möglich gewesen“.

Wuttke fällt schließlich auch in Kaiserslautern negativ auf. Für die wutentbrannte Aussage Richtung Linienrichter nach einer fragwürdigen Entscheidung („Du scheißt Dir doch vor Dir selber in die Hose!“) sieht Wuttke im Spiel bei Homburg 08 zwar nur die gelbe Karte, als Hannes Bongartz als Trainer entlassen und durch Josef Stabel ersetzt wird, beginnen aber auch wieder die Probleme mit dem Übungsleiter, die Wuttke auch schon zu seiner Zeit in Hamburg den Job gekostet hatten. Als Kaiserslautern Ende 1989 die Ablösesumme für den durchaus gefragten Regisseur so hoch ansetzt, so dass alle Interessenten abspringen, macht Wuttke seinem Ruf als Enfant Terrible alle Ehre. Er spielt häufig lustlos und überheblich, was die Fans der Roten Teufel natürlich auf die Palme bringt. Auch Gerd Roggensack, der schließlich 1989 Josef Stabel ablöst, gerät mit Wuttke aneinander. Dieser beschuldigt Wuttke, er hätte während einer Verletzungsphase ein Weinfest besucht, worauf Wuttke gelassen kontert: „Ich kann gar nicht auf einem Weinfest gewesen sein, weil ich nämlich Biertrinker bin.“. Wuttke wird wieder einmal suspendiert und gehört bei dem Pokalsieg der Lauterer in der gleichen Saison nicht mehr zum Kader. Eine häufig zitierte Aussage von Wuttke gehört ebenfalls in seine Zeit beim FCK: „Immer wenn ich breit bin, werde ich spitz“. Der Zusammenhang ist nicht überliefert.

Am Ende der der Saison wird Wuttke zu einem Spottpreis zum spanischen Zweitligisten Espanyol Barcelona abgeschoben, steigt mit dem Team aber umgehend in die Primera Division auf. Wuttke wird als „König von Barcelona“ gefeiert und ebenso auf Fotos abgelichtet. Weil Espanyol aber für die zweite Erstligasaison 3 ausländische Neuzugänge verpflichtet, und zu diesem Zeitpunkt nur 3 Ausländer in einem Team stehen dürfen, soll Wuttke nach 2 Jahren in Spanien den Verein verlassen. Er findet er mit dem Erstligaaufsteiger 1.FC Saarbrücken einen neuen Arbeitgeber. Trainer Peter Neururer, den Wuttke auch noch heute zu seinen Freunden zählt, lockt ihn in Saarland. Die aktive Zeit Wuttkes endet dann aber auch in dieser Saison. Er bricht sich in einem Spiel die Schulter, die Folgen der Verletzung führen schließlich zur Sportinvalidität. Die Heimniederlage gegen Wattenscheid 09 im April 1993 ist Wuttkes letztes Spiel als Profi.

Nach seiner aktiven Karriere kommen mehrere Schicksalsschläge auf Wuttke zu. 2000 erkrankt er an der für Männer seltenen Krankheit Brustkrebs, hat die Krankheit jedoch mittlerweile überstanden. In der Folge bleibt er jedoch vom Pech verfolgt: Zunächst lässt sich seine Frau von ihm scheiden, anschließend geht das von ihm betriebene Sportgeschäft pleite. Beim Tennisspielen reißt ihm die Achillessehne und, als diese Verletzung überstanden ist, bricht er sich beim Treten auf einen Tennisball den Mittelfuß. Aufgrund der vielen Verletzungen kann Wuttke heute kaum noch Sport betreiben und hat Gewichtsprobleme. Er versucht sich aktuell als Trainer von unterklassigen Amateurvereinen.

Obwohl Wuttke über sein Leben viele Anekdoten erzählen könnte, will er seine Memoiren jedoch nicht schreiben. „Nein. Dann müsste ich über alte Kollegen Interna rauslassen. Das tut man nicht. Außerdem war ich letztens in der Metro. Da lag auf dem Wühltisch ein Buch von Stefan Effenberg für 3 Euro 95. Nichts gegen Effe, das war ein geiler Typ. Aber so möchte ich nicht enden.“

Das ist Wolfram Wuttke

Geburtstag: 17. November 1961 (†) 01. März 2015
Nationalität:
Deutschland
Bundesligavereine:
Schalke 04, Borussia Mönchengladbach, Hamburger SV, 1.FC Kaiserslautern, 1.FC Saarbrücken
Bundesligaspiele:
299
Bundesligatore:
66
Länderspiele:
4
Länderspieltore:
1
Platzverweise: 2
Titelgewinne: Deutscher Pokalsieger 1990

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