Volker Ippig: Die unangepasste Ikone der Kiezkicker

Für die Fans des FC St.Pauli ist Volker Ippig eine Art Inbegriff des Kiezklubs. Linkspolitisch aktiv, zeitweise Entwicklungshelfer in Nicaragua, Hausbesetzer in der Hafenstraße und ganz nebenbei Bundesligatorwart. Der Keeper hat abseits des Platzes das Image des Hamburger Stadtteilvereins entscheidend mitgeprägt. Eine Leben und eine Karriere, wie sie im heutigen Bundesligageschäft nicht mehr denkbar wäre.

Die fußballerische Karriere des Volker Ippig ist schnell zusammengefasst. Als 18-Jähriger kommt Ippig von seinem Jugendverein TSV Lensahn als 2. Torwart zum damaligen Zweitligisten FC St.Pauli. Der Klub, der für sein außergewöhnliches Image und seine soziale Einstellungen bekannt ist, ist in der Folge über 15 Jahre Arbeitgeber des heutigen Urgesteins. 1986 wird Ippig Stammkeeper und macht 100 Spiele für seinen Verein, 65 davon in der Bundesliga.

 

Er steigt mit seinem Verein 1987/88 in die Bundesliga auf und 2 Jahre später wieder ab. Als Ippig auf gefrorenem Boden ausrutscht und ein Seitenhorn an der Wirbelsäule bricht, ist seine Karriere früh beendet. 1991/92 wird er Sportinvalide und arbeitet fortan als Torwarttrainer. „Einen vernünftiger Platz, ein großes Tor – und dann geht’s los.“ Fußballerisch gibt es wenige Höhepunkte. Beim Aufstieg ist Ippig nur Ersatzkeeper, „kein Gegentor gegen Klinsmann und Effenberg, und ein Sieg gegen die Bayern“, das sind die Erfolge, die Ippig heute stolz aufzählen kann.

So weit, so unspektakulär. Dass Volker Ippig einen großen Anteil an der Geschichte des FC St.Pauli hat, hat weniger sportliche Gründe. Mit ihm verbindet man auch heute noch Adjektive wie „unorthodox“, „unangepasst“ oder „unkonventionell“. Volker Ippig war kein gewöhnlicher Fußballer, er war ein Revolutionär. Seine Einstellung zu seinem Beruf war eine andere als bei seinen Mitspielern. Ippig sah sich nicht als Star, für ihn was das Bewachen seines Tores ein Job wie jeder andere. Keine Allüren, keine Modemarken, keine protzigen Autos und eine Vokuhila, die zur Zeit der „Popschnitte“ auffiel und provozierte.

Aufgrund seiner Einstellung ist Ippig schon früh ein Außenseiter, der sich im Mannschaftshotel mit psychedelischen Möglichkeiten der Bewusstseinserweiterung beschäftigt, statt im Sportteil die eigenen Noten nachzuschlagen. Für seine Mitspieler ist er „der Gestörte“. „Er solle sich lieber auf das Spiel konzentrieren“ wird ihm geraten. Kunst, Politik und Fußball, das passt nicht zusammen. Doch Ippig sieht das anders. Er will sich von dem Umfeld nicht in seine Rolle begeben, will mehr erreichen im Leben als „Lehre machen, 40 Jahre denselben Job ausüben, Rente beziehen, Maul halten“. Stattdessen geht er zu Demos gegen Kohl oder verteilt Flugblätter gegen die Schließung eines Hafenterminals. Auch dem DFB ist er deshalb früh ein Dorn im Auge.

Sein Engagement beim FC St.Pauli unterbricht Ippig mehrfach. Nach seinem Abitur am Wirtschaftsgymnasium arbeitet er mit behinderten Kindern in einem Heim in seiner Geburtstadt Lensahn und geht für ein halbes Jahr als Entwicklungshelfer nach Nicaragua. Ippig will sich ausprobieren, sein Leben herausfordern, ihm ist die Fußballbühne zuwider. Nach seiner Rückkehr aus dem zentralamerikanischen Land ist Ippig nicht mehr integrierbar. Er lehnt sich auf, sieht immer weniger Sinn im Fußballgeschäft. Als das „gute, genießenswerte Wetter“ als Ausrede für eine verpasste Trainingseinheit herangezogen wird, fliegt Ippig bei St.Pauli raus. Zu unprofessionell sind seine Ansichten, dabei geht es Ippig lediglich um das Leben abseits des Platzes. Nach einer Zeit wird er rehabilitiert.

 

Doch bei den Fans kommt Ippig mit seiner Art an. Sie mögen das Auflehnende, Außergewöhnliche und doch Bodenständige. Endgültig zur Ikone wird er, als er sich zu den Hausbesetzern der Hamburger Hafenstraße gesellt. Über seine Kontakte aus Nicaragua tauscht Ippig das spießbürgerliche Leben in der Villa des damaligen Präsidenten Dr. Otto Paulick an der Elbchaussee mit den besetzten Häusern der Hafenstraße. Seine linkspolitische Einstellung trägt Ippig deutlich nach außen, eine Faust in Richtung Fanblock beim Einlaufen der Mannschaften resultiert mit der Anerkennung der Anhänger und dem T-Shirt „Volker hört die Signale“ (in Anlehnung an „Die Internationale“, dem Kampflied der Arbeiterbewegung). Ippig beschäftigt sich mit Kunst, beteiligt sich an politischen Debatten und engagiert sich sozial. Die Totenkopfflagge wird seit dieser Zeit zum Symbol des Vereins, ist bis heute Markenzeichen der Kiezkicker. Obwohl Ippig schon nach 3 Monaten aus den Hafenstraßenwohnungen wieder auszieht, bleibt er für immer „der Spieler, der da mal gewohnt hat“.

Nach seiner schweren Rückenverletzung arbeitet Ippig als freier Torwarttrainer, jobbt zudem im Hamburger Hafen. Sein letztes Engagement beim VfL Wolfsburg (Torwarttrainer an 3 Wochentagen) zerbrach. Ippig wollte die Diskrepanzen zwischen Trainer Magath und Torwart Jentzsch schlichten, scheiterte jedoch am Einfluss Magaths. Als Jentzsch gefeuert wurde, musste auch Ippig gehen. Jetzt rangiert er Fahrzeuge und Container,  be- und entlädt Schiffe. Harte Arbeit, doch Ippig genießt die frische Luft und die Hafenatmosphäre. Er verdient sein Geld wie auch schon einst in der Bundesliga. Nicht als Star, sondern als Arbeiter. Ein Leben mit Höhen und Tiefen. Genau das ist der Grund, warum ihn die Fans lieben. Er ist einer von ihnen. Und wieder einmal glänzt Ippig mit der Einstellung zu seinem Beruf, von dem Vorwurf des Abstiegs will er nix hören. „Es gibt kaum einen Unterschied zwischen Hafenarbeiter und Torwarttrainer. Beides ist draußen, beides ist körperlich, nicht am Schreibtisch. Es regnet, es ist kalt, die Sonne scheint. Nicht so unterschiedlich.“

Das ist Volker Ippig

Geburtstag: 28. Januar 1963
Nationalität: Deutschland
Bundesligavereine: FC St.Pauli
Bundesligaspiele: 65
Bundesligatore: 0
Länderspiele: 0
Länderspieltore: 0
Platzverweise: 0
Titelgewinne:

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