Nächste Station Usbekistan. Auf den Spuren von Thomas Brdaric

Von Joe Körbs

Silvester-Mittag im rheinischen Langenfeld, einem Stadtteil von Solingen, zwischen Düsseldorf und Leverkusen an der Autobahn 3 gelegen. In der Rathaus Galerie herrscht noch hektisches Treiben. Weihnachtsgeschenke werden umgetauscht, Gutscheine eingelöst und Väter laufen mit Ihren aufgeregten Kindern durch die Geschäfte, um noch für das mitternächtliche Böllerspektakel einzukaufen. Auch Ex-Fußball-Nationalspieler Thomas Brdaric (36) aus Nürtingen hat seinen jüngsten Sohn Lance (8) mitgebracht und trinkt entspannt seinen Tee. Passanten, Freunde und Bekannte huschen vorbei und grüßen ihn. Brdaric grüßt und winkt freundlich zurück. Wer ihn kennt, schätzt seine natürliche offene Art. Hier lebt der gebürtige Nürtinger seit 17 Jahren, zusammen mit seiner vom Niederrhein stammenden Frau und Lance älterem Bruder Tim (11). Der ehemalige Bundesliga-Profi behielt sein Privatleben stets für sich und genießt die wenige Zeit mit seiner Familie und seiner Mutter, die noch in Neuffen wohnt.

Ein „turbulentes Jahr“, sagt er, liegt hinter ihm, „aber ich fühle mich gut gerüstet für 2012“. Auf einen seiner legendären Aussprüche „Ich habe nie die Verzweiflung verloren oder mich aufgegeben“, angesprochen, fügt er das Zitat hinzu, „Ich renne auch nicht gleich vorm ersten Tsunami weg“. Jeder Sturm legt sich wieder, auch für den Mann, der in seinem bisherigen Leben oftmals gegen Windmühlen ankämpfte. Umtauschen oder bereuen ist nicht sein Ding, das gilt vor allem für seine Erfahrungen in seiner Nach-Aktiven-Zeit, die für Thomas Brdaric 2009 als Sportdirektor bei Union Solingen begann. Auch sehe er seine neue Tätigkeit nicht als Arbeits-Gutschein, den so mancher ehemaliger Fußball Profi aufgrund seines klangvollen Namens nutzt, sondern als gute Referenzadresse um seiner Visitenkarte neuen Glanz und der jetzigen Funktionärs-Karriere Rückenwind zu verleihen.

Das neue Ziel heißt Taschkent! Die Hauptstadt von Usbekistan beheimatet den FC Bunyodkor, was auf Deutsch so viel wie „Erschaffer“ oder der „Schöpfer“ bedeutet. Der Verein, der erst 2005 gegründet wurde, dominierte in den letzten vier Jahren die Liga. Vier Meisterschaften und zwei Pokalsiege gelangen dem Club der für Aufsehen sorgte, als 2008 für viel Geld der Brasilianer Rivaldo verpflichtet wurde. Bei dem asiatischen Champions-League-Teilnehmer fungiert Brdaric seit Jahresbeginn als Sportdirektor und setzt gezielt auf Nachwuchsförderung. Diese Aufgaben wurden in der Vergangenheit unter Brasiliens Weltmeister-Trainer Felipe Scolari (2009-2010) völlig vernachlässigt. Mit dem neuen Stadion und Clubgelände im Rücken, sieht Brdaric hohes Potential in einem Land, das fußballerisch als aufstrebende Nation in Asien zählt und gute Chancen hat sich erstmals für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Für die Jugendarbeit und Spielerausbildung will der A-Lizenz-Trainer dort Spezialisten einsetzen und strebt sogar eine Kooperation mit dem Weltpokal-Sieger FC Barcelona an. Persönlich beginnt das neue Jahr für ihn aber erst einmal mit intensivem Kennenlernen der Mannschaft in den Trainingslagern in Dubai und der Türkei, bevor die Liga im März den Spielbetrieb aufnimmt.

Der EM-Teilnehmer von 2004 sieht sich zukünftig aber nicht nur als Sportmanager, sondern auch als Trainer und beginnt im April in Kiew seine Fußball-Lehrer Ausbildung. Im Frühjahr 2011 wurde ihm die Zulassung für den Lehrgang an der Sporthochschule in Köln noch „auf unschöne Art verweigert“, sagt er enttäuscht. Dabei hatte Brdaric, der wenig Wert auf seinen bekannten Namen legt, als vielmehr auf persönliche Qualifikation setzt, erste Erfahrungen im Trainerjob mitgebracht. Angefangen im Sommer 2010 mit einer einjährigen Hospitation bei der U 14 von Bayer Leverkusen, die ihm sein ehemaliger Trainer Jürgen Gelsdorf vermittelte. Die Beschäftigung, beim für seine hervorragende Nachwuchsarbeit bekannten Bundesligisten, endete für den Technik-Trainer Brdaric, mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit der U 17. „Danach wollte der Verein nicht mehr mit Ex-Profis zusammenarbeiten und für einen Monat übernahm ich die U 19 des KFC Uerdingen“, mit der er ebenfalls noch Deutscher Meister 2011 wurde. Die nächste Station als Jugend-Trainer hieß SV Bergisch Gladbach. Dort absolvierte er mit dem U 17-Bundesligisten die komplette Vorbereitung auf die neue Saison. Im August klingelte dann überraschend das Telefon für eine neue Herausforderung.

Brdaric`s persönlicher Agent, der Ukrainer Oleg Schelemeier, vermittelte seinen Klienten nach Weißrussland. Der dortige Traditionsclub Dinamo Minsk lockte mit großen Versprechungen und viel Geld. Der geschäftstüchtige Klub-Chef setzte aber schon nach kurzer Zeit mehr auf die Wintersportarten Biathlon und Eishockey, als auf die Randsportart Fußball, die kaum Zuschauer in die veralteten Stadien lockte und deren Liga allenfalls deutsches Drittliga-Niveau besitzt. Die Rahmenbedingungen vor Ort waren „mittelalterlich“ und Scouting ein Fremdwort. Immerhin konnte der gebürtige Schwabe in der Zeit seine Sprachkenntnisse erweitern, die ihn nun, zusammen mit seinen familiären serbokroatischen Wurzeln und der Weltsprache Englisch, für den russisch-asiatischen Markt interessant machten.

Sein aktueller Vertrag beim FC Bunjodkor Taschkent ist zunächst auf ein Jahr festgelegt. Mit vielen neuen Erfahrungen und der Fußball-Lehrer-Lizenz in der Tasche, strebt „der Fußball Bekloppte“, wie er sich selber bezeichnet, eine Rückkehr nach Europa an. Etwas näher an der Familie, die ihm viel Rückendeckung gibt. Ein erneutes Engagement in Deutschland plant er (vorerst) aber nicht. Vielmehr zieht es ihn nach England in die Premier-League, von der er schon zu seiner aktiven Zeit geschwärmt hatte. Ein Meniskus- und Knorpelschaden beendete seine Fußballer-Karriere aber frühzeitig. „Leider wurde bei meiner ersten Knieverletzung die falsche Diagnose getroffen und ich fing wieder zu früh an zu spielen“, bedauert Brdaric seine damalige Entscheidung, die dann noch größeren Schaden anrichtete und ihn im Juli 2008 zur endgültigen Aufgabe zwang.

Bereits als Spieler blieb, der am 23. Januar 1975 in Nürtingen geborene und in Neuffen aufgewachsene, Thomas Brdaric nie lange bei einem Verein. „Weil ich mich ständig verbessern wollte, zog es mich immer weiter.“ 1993 lockte der VfB Stuttgart mit dem ersten Profivertrag. Dort war er aber oft nur Stürmer Nummer vier und spielte überwiegend in der Zweiten Mannschaft. Um mehr Spielpraxis zu bekommen, wurde er nach nur einer Saison zum damaligen Bundesligisten Fortuna Düsseldorf ausgeliehen. Die Rückkehr zum VfB scheiterte dann „leider an dubiosen Umständen“, bedauert Brdaric die damalige Vorstandsentscheidung. So blieb er im Rheinland und wechselte zunächst zum Zweitligisten Fortuna Köln (1996-1999) und wurde dann mit Bayer 04 Leverkusen Deutscher Vizemeister (2002) und Nationalspieler. Seinen sportlichen Höhepunkt erreichte er aus seiner persönlichen Sicht unter Trainer Ralf Rangnick bei Hannover 96 (2003/2004). In der Saison 2004/2005 spielte Thomas Brdaric dann für den VfL Wolfsburg und wechselte zum Saisonende für 1,8 Millionen Euro wieder zurück zu Hannover 96. Insgesamt acht Einsätze (1 Tor) verzeichnete der emotionale Stürmer im Dress der Nationalmannschaft. Er steht auch heute noch zu seiner Aussage aus Hannoveraner Zeiten: „Mir bedeutet ein 4:4, bei dem ich alle vier Tore schieße mehr, als ein Sieg meiner Mannschaft“. Nicht nur mit dieser Aussage, sondern auch mit seinem „Ich kann nicht verlieren-Verhalten“ eckte der, von seinen Trainern immer „kleingehaltene“, Spieler oft mit seinen Kollegen an. Legendär seine Auseinandersetzung im Jahre 2003. Als der Mann mit der Rückennummer 13 noch für Leverkusen stürmte, packte ihn Bayern-Torwart Oliver Kahn von hinten am Hals und schüttelte ihn durch. Ein halbes Jahr später sah er im Trikot von Hannover 96 nach einer „leichten Berührung“ gegen Schalkes Torwart Frank Rost, der ihn provozierte, die Rote Karte.

Dass ihn seine sportliche Karriere heute noch verfolgt und ihm in Deutschland kein guter Ruf vorauseilt, glaubt Brdaric nicht. „Viele Leute kennen mich nur als Fußballer und nicht als Mensch“, fühlte er sich in der Vergangenheit oft missverstanden und von den Medien in die falsche Schublade gesteckt. Mit 40 Jahren will der Mann, der in wenigen Tagen fernab der Heimat seinen 37. Geburtstag feiert sagen: „Ich bin angekommen“.

 

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Ein Kommentar

  1. Ingela Sallein

    Nur zur Info für den unglaublich gut recherchierenden Journalisten: Langenfeld ist eine eigenständige Stadt, die an Solingen grenzt und KEIN Stadtteil von Solingen. Als Journalist sollte man richtig recherchieren!

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